Hebräer-10: Die Opfergabe Christi

Christus ist besser als der alte Bund

 

VERSE 1-10: DAS GESETZ ENTHÄLT NUR EIN SCHATTEN

Der Hebräerschreiber bezeichnet das Gesetz Mose bloss als Schatten der wirklichen Güter. Für jüdische Ohren waren diese Worte ein Skandal, eine Blasphemie, eine Degradierung der Gebote Gottes. Sollte der wunderschöne Tempel in Jerusalem mit allen seinen Türen, Hallen und Räumen, seinen Altären, Säulen, Leuchter, Waschbecken etc. samt der riesengrossen Organisation des Priesteramtes ein verschwindender Schatten sein? Sollte die ganze jüdische Tradition, die seit Jahrhunderten bestand und dem Volk seine Identität gab, nur ein Schatten des wahren Gottesdienstes sein? War das alles bloss ein Schatten wie von Menschenhand an eine Wand gezaubert, der plötzlich wieder verschwinden konnte? – Nein, unmöglich! Das griechische Wort für Schatten (σκία) bedeutet ein verschwommenes Spiegelbild, ein blosser Umriss, etwas Unreales, ohne wirkliche Substanz. Wer möchte schon in den Schatten eines Apfels beissen? Wer würde es wagen, einen reissenden Fluss zu überqueren auf einem Schatten, der durch das Sonnenlicht entstand? Ein Schatten existiert nur wenn es das Wahre gibt, das durch das Licht reflektiert wird. Was aber ist das Wahre? Was sind die künftigen Güter?

Diese ganze Argumentation ist nicht neu, sondern begann schon in Kapitel 8, Vers 1. Wenn in der Bibel von einem Schatten die Rede ist, dann ist damit das Konzept des alten Bundes gemeint (Jer 31,31-34). Der Schatten ist nicht die eigentliche Gestalt oder Form (εἰκών), sondern nur ein Abbild. Das Gesetz ist „ein Schatten des Künftigen, das Wirkliche ist Christus“ (Kol 2,17). Hebräer 9,11: „Christus aber, der als Hoher Priester der wirklichen Güter gekommen ist, ist durch das grössere und vollkommenere Zelt gegangen ...“ Jesus Christus ist das vollkommene Ebenbild (εἰκών) des unsichtbaren Gottes (Kol 1,15). Er machte den unsichtbaren Gott real und sichtbar für uns (2Kor 4,4). Wer Jesus gesehen hat, der hat den Vater gesehen (Joh 12,45; 14,9). In Jesus wohnt die ganze Fülle Gottes (Kol 1,19; 2,9). Das Ziel ist nun, dass wir nach dem Bild des Sohnes Gottes umgestaltet werden (Röm 8,29). Paulus erklärt den Korinthern, dass sie verwandelt werden können in die Gestalt, die Christus bereits hat (2Kor 3,18). Denn, „Wie wir das Bild des Irdischen [Adams] getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen [Adams] tragen“ (1Kor 15,49).

 

Vers 1: Alle Gläubigen, die nun vor Gott treten, können vollkommen (τελειόω) gemacht werden. Das Wort „vollkommen“ (τέλειος) bedeutet matur, reif, vollentwickelt, ganz, vollständig, wohl überlegt, durchdacht (1Petr 3,21). Das heisst: Das Opfer Christi hat uns vollkommen gereinigt, weil Jesus nicht bloss in das Abbild (= irdisches Heiligtum) hineinging, sondern in den Himmel selbst (Hebr 9,24). Im Gegensatz dazu konnten dieselben Tieropfer, die jedes Jahr dargebracht wurden die Gläubigen im AT niemals vollkommen machen, weil sie bloss ein Abbild waren vom wahren Opfer Jesu Christi (Hebr 9,9.14). Obschon wir in unserem Gewissen gereinigt worden sind durch das Blut Christi, werden wir immer noch aufgerufen, heranzuwachsen zur Vollkommenheit Gottes (Eph 4,13). Jesus lehrte (Mt 5,48): „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Wie kann dieser Zustand erreicht werden? Indem wir uns treu an das Evangelium Christi halten, das bedeutet an die zukünftigen Güter; konkret: eine bessere Hoffnung, besseres Opfer, bessere Erlösung, ein besserer Hoher Priester, eben ein besserer Bund; indem wir uns absondern, d. h. heiligen für Gott (2Kor 6,17-7,1). Es dreht sich alles um unser Gewissen, das gereinigt werden muss, um in eine vertrauensvolle Beziehung mit dem lebendigen Gott treten zu können.

 

Verse 2-3: Der Schreiber argumentiert: Wenn die vielen tausend Opfer im AT tatsächlich die Menschen von ihren Sünden gereinigt hätte, dann wären keine weiteren Opfer mehr nötig. Denn wirkliche Vergebung muss nicht ständig erneuert werden durch den wiederholenden Reinigungsprozess eines Tieropfers. Der Opfernde wäre mit einem einzigen Opfer für immer rein und seine Sünden würden sein Gewissen nicht mehr länger belasten (NGÜ). Doch weil das eben nicht so ist, werden die Menschen durch ihre alljährlichen Opfer bloss an ihre Sünden erinnert (ἀνάμνησις). Eine ständige Wiederholung der Opferhandlungen vermag keinen Schatten in die Wirklichkeit zu verwandeln. Der Tempel stand zwar immer noch und Tieropfer wurden immer noch dargebracht. Der durchschnittliche Jude verstand unter den jährlichen Opferungen Vergebung und nicht bloss Erinnerung an seine Sünden (Ps 31,1 ...). Doch in Vers 3 argumentiert der Heilige Geist durch den Schreiber, dass dies nicht der Fall war in Gottes Augen.

 

Vers 4: Gott war mit den Tieropferungen im AT nicht vollständig zufrieden (Hos 8,13), sondern hatte einen besseren Plan mit einem besseren Opfer, der den Menschen einen ungehinderten Zugang zu IHM schaffen sollte (1Petr 1,18-19). Tieropfer konnten unmöglich Sünden hinwegnehmen (Mi 6,7). Erst die Opfergabe Jesu Christi ermöglichte einen freien Zugang zu Gott. Im Gegensatz zu den Juden, die sich einmal jährlich (am Jom Kippur) an ihre Sünden erinnerten, tun wir Christen das wöchentlich (Lk 22,19; 1Kor 11,24-25). Wir erinnern uns jedoch nicht bloss an unsere ungetilgten Sünden, sondern wir erinnern uns an die vollständige Vergebung unserer Sünden durch das vergossene Blut Jesu Christi am Kreuz (Mt 26,28). Diese Erinnerungsfeier ist dazu da, um unseren Glauben zu stärken.

 

Verse 5-7: Der Schreiber argumentiert weiter, dass die alttestamentlichen Opferungen das Opfer Jesu Christi ankündigten. Dabei zitiert er aus dem Psalm 40,6-8. Dieser Psalm illustriert eine Art Konversation, die der Sohn mit dem Vater führte, bevor er in die Welt kam (Vers 5: „Darum sagt er bei seinem Kommen in die Welt ...“). Ähnlich wie in andern Psalmen, wo die Worte Davids die Aussagen Jesu ankündigten (z. B. Ps 22,2; Jes 8,18 in Hebr 2,12-13).

Der Verfasser des Hebräerbriefs benutzte dazu die Septuaginta. Die Originalausgabe des ATs wurde in hebräischer Sprache verfasst. Die Septuaginta (LXX) ist eine Übersetzung des Alten Testaments. Die Septuaginta wurde in den Tagen Jesu oft zitiert und war akzeptiert. Die Formulierungen unterscheiden sich nicht wesentlich voneinander. Im Kern bleibt der Inhalt der Aussage in der LXX dieselbe.

Psalm 40,7a mit Hebräer 10,5b verglichen:
Hebräisch: „An Schlachtopfern und Speiseopfern hast du kein Gefallen,“
Griechisch: „Opfer und Gabe wolltest du nicht,“
Auslegung: Damit sind die alttestamentlichen Tieropfer gemeint, die Gott nicht wirklich zufrieden stellen konnten.

Psalm 40,7b mit Hebräer 10,5c verglichen:
Hebräisch: „aber Ohren hast du mir aufgetan,“
Griechisch: „einen Leib aber hast du mir bereitet,“
Auslegung: „Du hast mich so beeindruckt, dass ich auf alles, was von dir kommt, hören werde.“
Und: Du hast mir einen irdischen Leib gegeben, damit ich mit ihm und durch ihn deinen Willen vollbringe (Joh 4,34).

Psalm 40,7c mit Hebräer 10,6 verglichen:
Hebräisch: „Brandopfer und Sündopfer hast du nicht verlangt.“
Griechisch: „An Brandopfern und Sühnopfern hattest du kein Gefallen.“
Auslegung: Gott wünscht keine Tieropfer, sondern er will, dass die Menschen seinen Willen tun.

Psalm 40,9 mit Hebräer 10,7c verglichen:
Hebräisch: „Deinen Willen zu tun, mein Gott, ist mir eine Lust.“
Griechisch: „um deinen Willen, o Gott, zu tun.“
Auslegung: Das einzige Opfer, das wir Gott machen können, ist Gehorsam sein (1Sam 15,22; Ps 50,14; 51,18-19; Hos 6,6; Jes 1,11-17; Mi 6,6-8; Röm 12,1-2).

 

Verse 8-10: Der Hebräerschreiber legt nun die zitierten Psalm Worte aus. Dabei betont er die besonderen Verse, um die es in seiner Rede geht. Diese Worte wurden zwar vom König David aufgeschrieben, sie stammen aber von Jesus Christus. Dabei erklärt er, dass das Erste aufgehoben wird, um vom Zweiten ergänzt zu werden. „Das Erste“ ist der Alte Bund mit seinen Brandopfern und Sühnopfern. Der Alte Bund musste entfernt werden, um Platz für den Neuen Bund zu schaffen. Der griechische Begriff (ἀναιρέω) bedeutet gewaltsam entfernen, töten (Bsp. Mt 2,16; Lk 23,32; Apg 10,39; 2Thess 2,8). „Das Zweite“ ist der Neue Bund mit dem Opfer Christi, der Gottes Willen erfüllte.

Bevor Jesus auf diese Erde kam, wurde seine Mission ausgiebig geplant und diskutiert (Joh 3,16; 2Kor 8,9). Weil Jesus in allem Gottes Willen tat, ist er das einzige vollkommene Opfer. Weil Jesus den Willen Gottes erfüllte, sind wir ein für alle Mal geheiligt. Allein dieser Text macht klar und deutlich, dass ein Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem für alle Gläubigen ein grosser Rückschritt wäre. Er würde erfordern, dass die alten Opferrituale und Gesetze wieder in Kraft treten müssten und somit die Sünden der Menschen nicht ausgetilgt werden könnten. Welcher Gläubige möchte schon einen neuen Tempel bauen in Jerusalem, nachdem er den göttlichen Plan der himmlischen Güter verstanden hat?

 

VERSE 11-18: DURCH CHRISTUS GEHEILIGT

Vers 11: Nachdem der Schreiber die Unzulänglichkeit der Tieropfer gründlich erklärte, zeigt er nun die unübertreffliche Wirkungskraft des Opfers Christi. Zuerst einmal wird Jesus als sitzender Retter dargestellt.

Der Priester „steht“ täglich im Dienst, um immer wieder dieselben Opferungen durchzuführen. Dieses Stehen symbolisiert den unvollendeten Zustand unter dem alten System. Im Gegensatz dazu sitzt Jesus auf dem Thron Gottes, d. h. er hat seinen Dienst vollendet. Ein Priester der sich setzte war das Zeichen oder die Garantie eines vollendeten Dienstes (wie am Jom Kippur) und eines akzeptierten Opfers von Seiten Gottes.

 

Vers 12: Jesus vollbrachte also mit einer einzigen Opfergabe vollständige Vergebung für alle Generationen.

Während die täglichen Opferungen niemals Sünden beseitigen konnten (V. 11), vermochte Jesus mit einem einzigen Opfer alle Menschen, die sich heiligen lassen, für immer zur Vollendung zu führen (V. 14). Während die heidnischen Religionen im ersten Jahrhundert ihren Göttern immer wieder Opfer darbrachten, erhielt die christliche Religion ein einmaliges Opfer, das für alle Zeiten gültig war und die Menschen retten konnte. Das ist einzigartig in der Geschichte! Keine andere Religion kennt ein solches einmaliges Versöhnungsopfer. Selbst in der jüdischen Religion dürfen die Priester nicht absitzen, denn ihr Dienst bleibt unvollendet.

 

Vers 13: Jesus sitzt nun zur Rechten Gottes und wartet. Hier wird erneut der Psalm 110,1 ins Bild gebracht (siehe Kap. 5 und 7). Er wartet bis zum Ende der Zeiten, wenn er das Reich dem Vater übergeben wird (1Kor 15,24). Das wird dann geschehen, wenn der letzte Feind zu Nichte gemacht wurde (1Kor 15,24-25). Dann wird der allerletzte Feind vernichtet - das ist der Tod (1Kor 15,26-27). Wenn Jesus wiederkommt und die grosse Auferstehung oder Auferweckung stattfindet, dann wird er seine Herrschaft dem Vater übergeben (Joh 6,39.44). Dies steht in direktem Widerspruch zur Lehre der tausendjährigen Herrschaft, dass Jesus, wenn er wiederkommt seine Herrschaft antreten werde. Das endgültige Gericht findet nach der Auferstehung der Toten statt (Joh 5,28-29).

 

Vers 14: Alle, die sich heiligen lassen, werden für immer zur Vollendung geführt. Es ist in der Bibel niemals von einer Allversöhnung die Rede. Jesus starb zwar für die ganze Menschheit. Die Menschheit muss sich aber versöhnen und heiligen lassen. Alle, die glauben und Jesus anziehen in der Taufe, werden gerettet werden (Gal 3,26-27; Eph 5,25-26; Hebr 10,22). Alle, die ihr altes Leben begraben haben in der Taufe, wurden auferweckt zum neuen Leben in Christus (Kol 2,12; 3,1). Alle, die sich berufen lassen zu einem Leben in Heiligung, werden mit Christus in der Ewigkeit leben (1Thess 4,1-8). Darum, lasst uns ein geheiligtes Leben führen, damit wir zur Vollendung gelangen! (Hebr 2,10; 7,11.19.28; 10,1).

 

Verse 15-18: Der Heilige Geist weist im AT bereits auf diesen besseren Bund hin. Er spricht durch den Mund des Propheten Jeremia (Jer 31,31-34). Wie wird Gott uns seine Gesetze ins Herz schreiben? (siehe Kapitel 8, Punkt D.)

Bsp. Beschneidung und Taufe: Kein Mensch zählt zum Neuen Bund durch seine physische Geburt. Es war schon immer Gottes Wille, dass sich die Menschen an ihren Herzen beschneiden lassen (Dtn 10,16; 30,6; Jer. 4,4a; Gal 5,2.6; 6,15; Kol 2,11-13).

Bsp. Opferungen und Hingabe: Niemand kann durch das Blut eines unschuldigen Tieropfers seine Sünden abwaschen. Nur das vollkommene Blut Jesu Christi reicht aus, um alle Generationen von aller Sünde reinzuwaschen (Hebr 9,14). Deshalb sind nun auch keine weiteren Opferungen mehr nötig (V. 18). Wo Gott vergibt da vergisst er auch (Jes 43,25; 44,22; Jer 31,34). Gottes Wille ist es nun, dass wir uns IHM selbst hingeben als lebendige und heilige Opfer (Röm 12,1-2).

Der neue Bund ist deshalb besser, weil er aus uns gläubige Menschen macht. Wir dienen dem Herrn nicht aus Zwang und durch äusserliche Einhaltung des Gesetzes Mose. Wir lieben den Herrn freiwillig und aus tiefstem Herzen. Wir sind Gott ganz nah gekommen und leben, um IHM wohlzugefallen mit unserem ganzen Denken, Reden und Handeln (Eph 2,11-13; 4,17-25). Weil der Heilige Geist uns dies alles bezeugt durch sein Wort, brauchen wir keine weiteren Bestätigungen oder Zeichen mehr vom Himmel (2Petr 1,3).