Hebräer-07b: Das Priestertum Christi

Christus ist besser als der alte Bund

 

 

VERSE 11-22: BESSER IST ...

Verse 11-12: Das neue Gesetz
Die Juden glaubten, dass das levitische Priestertum die Vollendung war. Für sie war die levitische Priesterschaft unverzichtbar. Jesus hatte die falsche Abstammung und konnte gar kein Hoher Priester sein. Vom Heiligen Geist inspiriert fragt der Hebräerschreiber, weshalb dann David in Psalm 110,4 prophezeite, dass eine neue Priesterschaft Teil eines neuen Bundes sein werde. Die Leser im ersten Jahrhundert dachten vermutlich, dass die alttestamentliche Priesterschaft parallel zur neuen bestehen würde. Sie verstanden noch nicht, dass es durch die Priesterschaft des neuen Bundes ersetzt wurde. Erst der Hebräerbrief gab ihnen Aufschluss über Gottes Plan. Viele Juden betrachteten gerade deshalb die Christen als ihre Feinde.

Zur Vollendung (τελείωσις) kam es erst durch den neuen Bund. Mit der Vollendung ist nicht etwa ein sündloser Zustand gemeint. Gemeint ist die Vollendung der vollständigen Vergebung in Christus (Hebr 10,14). Gemeint ist das Ende des mosaischen Gesetzes (Röm 10,4). Christus hat das mosaische Gesetz erfüllt (Mt 5,17-18). Jesus hat am Kreuz seine Mission der Sündenerlösung für die Menschheit vollbracht (Joh 19,30; Kol 2,14-17). Das mosaische Gesetz konnte – die Menschen nicht näher zu Gott führen (Gal 3,11; Röm 5,1-2), kein Leben geben (Gal 3,21; 2,21), den Menschen bloss beibringen was Sünde ist (Röm 3,20; 7,7-25), die Sünden der Menschen nicht vollständig vergeben (Hebr 10,4).

Das Konzept des Priestertums änderte sich gemäss des Hebräerschreibers. Das alttestamentliche Priestertum bestand nach der Weise Aarons. Das neutestamentliche Priestertum ist nach der Weise Melchisedeks. Das neue Priestertum forderte gleichzeitig ein neues Gesetz (Apg 6,14). Denn das levitische Priestertum und das Gesetz Mose sind unzertrennbar miteinander verbunden. Das neue Priestertum wird vom Gesetz Christi getragen (Gal 5,14; 6,2).

 

Schlussfolgerung
Obschon das Gesetz heilig und gut ist (Röm 7,9-12), konnte es nichts zur Vollendung bringen, weil es schwach war und an göttlicher Kraft mangelte (Hebr 7,18-19). Es war auf irdischen Segen oder Fluch ausgerichtet (Dtn 28). Es konnte niemand zur himmlischen Vollendung führen (Hebr 11,39-40). Die göttliche Kraft liegt im Gesetz Christi, das uns durch den Heiligen Geist freiwillig zu guten Werken anspornt und in Gottes Nähe bringt (Gal 5,18).

 

Verse 13-14: Die neue Ordnung
Also noch einmal: Nach dem Gesetz Mose durften nur Männer aus dem Stamm Levi dem Heiligtum dienen (Num 3,10; 16,8-10). Jesus ist „der, auf den hin das gesagt ist, gehörte einem andern Stamm an ...“ Jesus war aus dem Stamm Juda, dem königlichen Stamm, nicht aus dem priesterlichen Stamm Levi. Wer aus dem königlichen Stamm kam, der durfte keine priesterlichen Dienste verrichten. „Es ist ja bekannt“ oder „es ist uns allen bekannt“ oder „wie wir alle wissen“. Es ist anzunehmen, dass die Juden die Abstammung Jesu aus dem königlichen Stamm nicht anfochten. Denn Jesus wurde ja in Bethlehem geboren, in der Stadt Davids, wie durch den Propheten Micha vorausgesagt (Mt 2,5-6). Der Stammbaum in Lukas 3,23-31 und Matthäus 1,6-16 bestätigt, dass Jesus der Sohn Davids ist. Aus dem Matthäusevangelium könnte man schliessen, dass Jesus der adoptierte Sohn Josefs war, während Lukas die messianische Linie über Maria führte. Es ist aber eher so zu verstehen, dass Jesus von Josef adoptiert wurde. Die königliche Abstammung bezieht sich auf den Titel „Sohn Davids“ (Mt 1,1; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30-31; 21,9.15; 22,45; Mk 10,47-48; 12,35; Lk 1,32; 18,39).

Es ist eine geschichtliche Tatsache, dass Jesus der verheissene „Spross Davids“ ist (Offb 5,5; Jes 11,1; Jer 23,5-6). Damit wird treffend aufgezeigt, dass es gerade deshalb eben um eine neue Ordnung geht, d. h. um ein besseres Priestertum. Gerade weil Jesus kein Levit war, aber das Gesetz erfüllte war er frei vom alten Ritual des Gesetzes. Jesus schaffte etwas Einzigartiges und völlig Neues in der Geschichte: in IHM wurden Königtum und Priestertum vereinigt.

 

Schlussfolgerung: Was bedeutet diese neue Ordnung für uns?
Sie bedeutet für uns, dass wir einen ewigen König und Hohen Priester haben in Jesus Christus, „der aus uns ein Königreich gemacht hat, eine Priesterschaft für Gott ...“ (Offb 1,6). Jesus ist unser neuer König David, der uns im himmlischen Reich regiert. Jesus besitzt ein unveränderliches Priesteramt (V. 24). Jesus kann immer für uns eintreten und uns retten, weil er ewig lebt (V. 25). Deshalb haben wir in Christus eine bessere Hoffnung (V. 19) und einen besseren Bund (V. 22).

 

Verse 15-17: Das neue Leben
Der Autor des Briefes fährt fort indem er erklärt, dass das Ganze noch viel deutlicher wird, weil das neue Priestertum sich auf der Kraft unzerstörbaren Lebens gründet. Christus hatte sein Priestertum nicht durch das Gesetz und Gebot empfangen, das ihm nur den Namen und Titel, d. h. die äussere Form und Gestalt eines Priesters gab. Denn das Gebot vermag mit seiner Verordnung nichts anderes zu erfassen und zu bewegen als das Fleisch. Das Gebot setzte einen Priester ein von Fleisch und Blut, den schickte es zur geordneten Stunde in den Tempel oder ins Allerheiligste, mehr konnte es nicht. Das Gebot setzte ein Opfer ein von Fleisch und Blut, das konnte es als Gabe für Gott fordern, mehr konnte es nicht.

Christus hingegen war freiwillig mit seinem Geist anwesend, bei allem was er tat. Jesus handelte nicht bloss rituell oder äusserlich als Priester. Jesus meinte, was er tat und tat auch, was Gott geboten hatte. Sein Priesterdienst ist das Werk eines vollkommenen und lebendigen Priesters. In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig (Kol 2,9). In Christus ist das Leben erschienen und darin steckt die besondere Kraft. Jesus handelte nicht bloss rituell oder äusserlich, sondern aus der Kraft seines Geistes. Jesus wurde nicht bloss für eine beschränkte Zeit eingesetzt, sondern für alle Ewigkeit. Die Arbeit im Heiligtum war so anstrengend, dass die Priester nicht älter als fünfzig Jahre alt sein durften (Num 4,2-3). Deshalb wurde Jesus direkt von Gott eingesetzt, als Priester in Ewigkeit, nach der Weise Melchisedeks und nicht durch ein Gesetz mit äusserlichen Bedingungen. Das macht das Priestertum Christi im NT viel besser als das im AT! Deshalb ist das Leben in Christus viel besser als das Leben unter dem Gesetz.

 

Schlussfolgerung: Was bedeutet das alles für uns?
Wir wurden nicht gelehrt (wie die Juden damals), dass das Christentum minderwertiger sei als das Judentum. Wir werden heute gelehrt, dass das Christentum minderwertiger sei als das, was die Welt zu bieten hat. Wenn wir diese beiden Angebote vergleichen, dann sehen wir schnell, dass Christus uns ein viel besseres Leben zu bieten hat als die Welt. Die Welt kann eine zeitlich beschränkte Befriedigung geben, z. B. Erfolg, Glück und Freude. In Christus finden wir jedoch eine zeitlich unbeschränkte Befriedigung, z. B. Erfolg, Glück und Freude (Hebr 7,25; 11,24-26). Wenn der Autor des Hebräerbriefs uns heute schreiben würde (einen Schweizerbrief), dann würde er versuchen, uns zu verstehen zu geben, dass Christus viel besser ist als alles, was die Welt je zu bieten hat.

 

Verse 18-19: Die neue Hoffnung
Die grösste Schwäche des alttestamentlichen Gesetzes bestand darin, dass es den Anbeter nicht vermochte, Gott näher zu bringen (V. 19b). Das Gesetz konnte keine vollständige Sühnung der Sünde bewirken. Nur der Mensch, dem seine Sünde vergeben und getilgt wird ist gesegnet (Ps 32,1-2). Denn dadurch hat er die Hoffnung, Gott näher zu kommen (1Petr 1,16). Das Gesetz war nur ein Zuchtmeister, Erzieher, Lehrmeister, griechisch Paidagogos (παιδαγωγός): Galater 3,24. (Artikel zum Thema Paidagogos, siehe griech. Begriffe 1025.)

«Bis zum 7. Lebensjahr war ein griechischer Junge fast ausschliesslich unter der Obhut seiner Mutter. Aber falls ein paidagogos im Hause war, redete er selbst zu diesem frühen Zeitpunkt in der Erziehung mit. Sokrates sagt in Platons Protagoras (325): „Mutter, Kindermädchen, Vater und paidagogos streiten um die Weiterbildung des Kindes, sobald es sie verstehen kann.“ Mit dem Eintritt des Jungen in die Schule übernahm der paidagogos seine Erziehung ständig bis zu seinem 18. Lebensjahr. Der paidagogos war kein Lehrer in unserem Sinne. Seine Aufgabe war es, den Jungen jeden Tag zur Schule zu begleiten, auf seine Sicherheit zu achten, seine Bücher und seine Leier zu tragen, sein Benehmen in der Schule und auf der Strasse zu überwachen. Er hatte ihn in Moral und in gutem Benehmen zu unterrichten. Er musste darauf achten, dass der Junge bescheiden, mit gesenktem Kopf durch die Strassen ging, dass er älteren Leuten Platz machte und in ihrer Gegenwart still war, wie es sich gehörte; er musste ihm gute Tischsitten beibringen und wie er seine Kleider mit Anstand zu tragen hätte. Er musste ihn alles das lehren, was die Griechen unter eukosmia verstanden: gute Sitten, gutes Benehmen, angenehmes Wesen. K. J. Freeman sagt, dass ein paidagogos „eine Mischung aus Kindermädchen, Diener, Beschützer, Anstandsdame und Hauslehrer war“. Der paidagogos hatte eine sehr praktische, aber auch sehr schwierige Aufgabe, vor allem, wenn der Junge kühn und selbständig war.»

Das Gesetz wurde den Juden gegeben, damit sie die Sünde kennen lernten (Röm 7,7). Doch das Gesetz vermochte den Menschen nicht aus der Sünde zu befreien (Röm 8,3). Das Gesetz vermochte niemand zur himmlischen Vollendung zu führen. Trotzdem war das Gesetz gerecht und gut (Röm 7,12; Ps 19,8). Wenn das Gesetz dem Sünder Leben gegeben hätte, dann wäre Christus umsonst gestorben (Gal 2,21; 3,21). Ohne Christus wären wir Menschen hoffnungslos verloren (Röm 7,22-25).

Mit dem Wechsel des Priestertums wurde auch das Gesetz aufgehoben oder ausser Kraft gesetzt. Jesus, unser neuer Hohe Priester brachte die bessere Hoffnung, durch die wir nun Gott nahen dürfen. Aus Glauben sind wir gerecht gesprochen worden und haben Frieden mit Gott gefunden durch Jesus Christus (Röm 5,1-2). Darum ist die Hoffnung ein Hauptmerkmal im Hebräerbrief (3,6; 6,11.18.19; 7,19; 10,23).

 

Verse 20-22: Der neue Bund
Der zentrale Punkt, um den es im Hebräerbrief geht, ist der neue Bund. Der neue Bund ist in jeder Hinsicht besser als der alte Bund. Gott bestätigte den neuen Bund durch seinen Eid. Die biblische Geschichte zeigt, dass Gott nur wenige Male einen Eid leistete: Gott schwur bei sich selbst, als ER Abraham segnete und ihm Nachkommen wie Sand am Meer versprach (Gen 22,16-18). Gott wurde zornig und schwor, dass ER keinen der Israeliten ins verheissene Land führen werde, ausser Kaleb und Josua (Dtn 1,34-35). Gott wurde zornig und schwor, dass Mose den Jordan nicht überschreiten werde und nicht ins verheissene Land kommen werde (Dtn 4,21). Gott schwor seinem Diener David ewige Nachkommenschaft auf seinem Thron zu (Ps 89,4-5).

Was immer auch Gott für einen Eid schwört, ER wird ihn einhalten. Der neue Bund wurde mit Gottes Eid verheissen, eingeweiht und bestätigt. Der alte Bund gründete sich auf das Gesetz, nie auf einen Eid Gottes. Auch das levitische Priestertum wurde nie mit Gottes Eid aufgerichtet. Es gab also keinen Anlass zu meinen, dass es nie eine Änderung geben durfte. Das alttestamentliche Priestertum war in Gottes Plan nie für die Ewigkeit gedacht. So wie das Priestertum geändert werden konnte, so konnte auch das Gesetz geändert werden, weil beide nie für die Ewigkeit gedacht waren. Weil Gott das Priestertum Christi mit einem Eid bestätigte, kann und wird ER es nicht mehr ändern, sondern seine Entscheidung bleibt für immer und ewig. „... und es wird ihn nicht gereuen“ (siehe auch 6,17). Drei Mal wird in Hebräer 7 gesagt, dass das neue Priestertum für immer sein wird (V. 3, 17, 21). Es gibt noch andere Indikatoren, die von immer und ewig sprechen (V. 24, 25, 28).

Jesus verbürgt sich für diesen besseren Bund; Bürge (ἔγγυος). Ein Bürge ist eine Sicherheit, ein Haftpflichtiger, ein Garant, ein Sponsor. Er ist die Gewähr, dass etwas bezahlt, bewirkt oder vereinbarungsgemäss durchgeführt wird. Jesus verbürgt sich mit seinem Leben für uns. Seine Garantie gilt allen, die an Gottes Verheissungen glauben. Der neue Bund ist besser (κρείττων). Obschon hier das erste Mal der Begriff „Bund“ vorkommt, ist er ein Schlüssel für den ganzen Brief (siehe Testament: Kapitel 9,16-17). Aus den bereits genannten Gründen ist der neue Bund besser. Genauso ist der Begriff „besser“ ein Schlüssel, der sechzehn oder siebzehn Mal vorkommt im Brief (für Bibelstellen dazu siehe Einleitung, Seite 1).

Was braucht es noch mehr? Der neue Bund mit der neuen Priesterschaft ermöglicht eine vollständige Errettung von den Sünden, die ewige Erlösung schafft. Es gibt keine Steigerung mehr in dem erreichten Standard für die Menschheit. Der neue Bund begann mit dem christlichen Zeitalter und endet bei der Wiederkunft Christi (d. h., es gibt kein tausendjähriges Reich dazwischen!).

 

VERSE 23-28: JESUS CHRISTUS

Verse 23-24: Einmaliger Priester
Es gab viele Hohepriester, die am Tempel dienten: Von der Zeit als Mose das Zelt baute bis zum Tempel Salomos waren es dreizehn Hohepriester. Vom Tempel Salomos bis zum Fall Jerusalems waren es achtzehn Hohepriester. Als der Hebräerbrief geschrieben wurde, diente offensichtlich immer noch ein Hoher Priester am Tempel; somit wurde der Brief vor 70 n. Chr. geschrieben. Doch alle Priester und Hohen Priester mussten sterben und konnten nur eine kurze Zeit am Heiligtum dienen. Jesus Christus ist von den Toten auferstanden und wird nie mehr sterben. Er hat kein irdisches Priestertum aufgerichtet, sondern ein himmlisches. Deshalb ist Jesus unser ewiger Hohe Priester (Ps 110,4; Hebr 7,21b). Das Priestertum Christi ist unveränderlich, d. h. unvergänglich (ἀπαράβατος). Dieser Begriff wurde der Rechtssprache entnommen und bedeutet unverletzlich. Er bleibt auf eine bestimmte Person beschränkt und ist nicht übertragbar. Jesus kann niemals übertroffen werden, denn es gibt keinen Ersatz für ihn.

 

Vers 25: Ein Priester in Ewigkeit
Wir Gläubigen brauchen nach wie vor einen Retter, der fähig ist (δύναμαι), d. h. die Macht besitzt, für uns einzutreten vor Gottes Thron. Sein Opfer am Kreuz dient allen zum Heil, „die ihm gehorsam sind“ (Hebr 5,8-9). Jesus vermag uns zu retten (Zeitform des Verbs „retten“ ist die Gegenwart); Er rettet uns fortwährend aus unserer Sünde, besonders dann, wenn wir um Vergebung bitten (1Joh 1,9). Er rettet uns, indem er einen Ausweg aus allen Versuchungen schafft (1Kor 10,13; Jud 24). Jesus kann z. B. die Engel als dienende Geister dazu benützen uns zu retten (Hebr 1,14). Deshalb sollen wir im Namen Jesu den Vater anrufen (Joh 14,13; 16,23-27; 14,6). Weil Jesus ewig lebt, kann er auch immer als Hoher Priester für uns eintreten (ἐντυγχάνω): Jesaja 53,12. Jesus tritt für uns ein (Röm 8,33-34). Der Geist tritt für uns ein (Röm 8,26).

Jesus bleibt für alle Zeiten der Einzige, durch den wir zu Gott gelangen. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei (Mt 27,51), was bedeutet, dass das gläubige Volk nun direkten Zugang zu Gott bekommt. Diesen Zugang verschaffte uns Christus durch sein Fleisch (Hebr 10,19-20). Niemand wird Jesus jemals sein Amt wegnehmen können. Sein Dienst an uns Menschen hat nie aufgehört: Er hat den Menschen auf Erden gedient. Er hat sein Leben für alle verlorenen Menschen hingegeben. Er tritt auch im Himmel noch für alle Gläubigen ein. Jesus ist und bleibt der alleinige Vermittler zwischen Gott und den Menschen.

 

Verse 26-27: Ein Priester über allen

Er ist heilig (ὅσιος)
Dieser Begriff wird auch als Qualifikation für einen Ältesten oder Bischof gebraucht (1Tim 2,8); er bedeutet fromm, gottesfürchtig, gottähnlich, andächtig, von aller Schuld rein; jemand, der treu und gewissenhaft seine Pflicht gegenüber Gott erfüllt. Jesus ist der einzige Heilige, der je lebte (Ps 16,10; Apg 2,27; 13,35). Er ist in seinem Herzen vollkommen rein. Auch wir werden aufgerufen heilig zu sein, aber wir können diesen Stand nur erreichen, wenn wir uns durch Christi Blut heiligen lassen (Hebr 2,11).

 

Er ist unschuldig (ἄκακος)
Kakia bezeichnet im Griechischen das Böse. Akakos ist das Gegenteil. Akakos ist sinnverwandt mit dem Wort akeraios, „ohne Falsch“, lauter (Mt 10,16). Jesus kränkt niemanden, weil er ohne Hinterlist ist. Er ist frei von Arglist und Hass. Er ist harmlos (engl. Harm = Schaden). Pilatus erkannte das (Lk 23,4.13-16.22). Selbst bei der Tempelreinigung ging es Jesus nicht darum jemanden zu verletzen (Joh 2,14-15), sondern die Aufmerksamkeit auf den heiligen Gott zu lenken.

 

Er ist unbefleckt (ἀμίαντος)
Er ist frei von jedem Makel, jeglicher Befleckung; äusserlich unbefleckt. Die Priester mussten sich zwar äusserlich (kultisch) reinigen bevor sie ins Heiligtum gingen, doch damit waren sie im Herzen noch nicht rein. Nur Opfertiere ohne einen Makel durften Gott dargebracht werden, doch mit fremdem Blut konnten keine Herzen gereinigt werden. Innerlich unbefleckt bedeutet dies: Jesus war im Herzen ohne Makel und ohne jegliche Befleckung (1Petr 1,19). Wie viel wichtiger ist es im neuen Bund, dass nur der unbefleckte Mensch sich Gott nahen darf! (2Kor 6,14-7,1).

Er wurde geschieden von den Sündern.
Das ist ethisch gemeint nicht räumlich, d. h. er war ohne Sünde (Joh 8,46). Jesus ist uns gleich geworden und schämt sich nicht, uns Brüder und Schwestern zu nennen (Hebr 2,11-18). Er wurde Mensch wie wir Menschen (Hebr 2,14). Er wurde versucht wie wir Menschen, aber blieb ohne Sünde (Hebr 4,15). Er war ein Freund der Menschen (Mt 9,11-13; 11,19). Jesus steht über allen Menschen (auch Hohe Priester) und Engeln im Himmel (Hebr 1,4). Alles ist IHM unterworfen (Eph 1,22-23). Sein Platz ist hoch über dem höchsten Himmel. Durch seine Auferstehung und Himmelfahrt hat er den Zugang zur Herrlichkeit Gottes erhalten. Jesus regiert mit Gott im Himmel und ist deshalb „höher als die Himmel“. Vielleicht denken wir, dass der Hohe Priester nur einmal im Jahr, am Jom Kippur opferte (Lev 16). Sicher war es so, dass an manchen Tagen die andern Priester für die Opferungen zuständig waren. Doch Philo bestätigt, dass der Hohe Priester täglich Gebete und Opfer darbrachte für die ganze Nation. Der Punkt ist, dass das Opfer Jesu keine Wiederholung braucht. Er wurde „ein einziges Mal geopfert“ (hapax: Hebr 9,27-28). Er ging „ein für alle Mal“ mit seinem eigenen Blut ins Heiligtum (efapax: Hebr 9,12; 10,10). Hapax und Efapax sind die griechischen Schlüsselbegriffe im Hebräerbrief. Das Besondere bei diesen Opferungen ist: Der Hohe Priester musste sie wiederholen und sogar für seine eigene Sünde opfern (Lev 16,6.11). Jesus opferte sich selbst ein für alle Mal.

 

Vers 28: Ein vollkommener Priester
Das alles macht Jesus Christus zum vollkommenen Hohen Priester für unsere Sünden. Das Priestergesetz am Sinai bestimmte Menschen, die mit Fehlern behaftet waren. Doch der allmächtige Gott setzte seinen eigenen Sohn mit einem Eid ein zum ewigen Hohen Priester. Gottes Eid kam lange nach dem Gesetz Mose und gilt nun in alle Ewigkeit.

 

Schlussfolgerungen
Es geht nicht darum, dass wir äusserlich heilig, unschuldig und unbefleckt dastehen vor andern Menschen, sondern dass unser Herz vor Gott Gefallen findet (Mk 7,21-23). Es kann niemals sein, dass ein Gläubiger sagt: „Ich will und kann mich nie ändern.“ Christen sind Jünger Jesu, d. h. ständig Lernende. Jeder Wiedergeborene hasst die Sünde und will Christus täglich ähnlicher werden (Mt 5,48; 2Petr 1,5-11). Auch wir sollen die Sünder lieben - aber nicht die Sünde, indem wir es ihnen gleich tun. Manchmal ist es sogar nötig, dass wir uns räumlich von Sündern trennen (1Kor 6,18; Gen 39,12). Der grosse Trost ist, dass Jesus unermüdlich beim Vater einsteht für uns.