Hebräer-02b: Die Erniedrigung Christi

Christus ist besser als der alte Bund

 

 

VERSE 11-18: JESUS IST UNSER BRUDER

Jesus musste uns Menschen gleich werden (d. h. Mensch werden), damit er uns heiligen konnte (2,17). Es ist hier zweifellos von Jesus die Rede, der durch einen Reinigungsprozess alle heiligt, die sich heiligen lassen (Apg 20,32). Wir werden durch sein Blut geheiligt (Hebr 10,29). Obschon es auch vorkam, dass Jesus den Vater bat, z. B. die Apostel zu heiligen in der Wahrheit (Joh 17,17). Im AT heiligte Gott sein auserwähltes Volk (Ex 31,13; Lev 20,8; 22,32; Ez 37,28).

Hagiazo (ἁγιάζω) wird im NT auf zwei Arten gebraucht: rein machen, reinigen, heilig machen (Heb. 10,10) und weihen, widmen, absondern (1Petr 1,16). Durch das Blut Christi sind wir nun Geheiligte, Gott Geweihte, Abgesonderte, um Gott zu dienen.

 

Vers 11: Wir stammen alle vom selben Gott (Vater) ab.
Wir sind wie Christus geworden und folgen seinem Beispiel. Deshalb schämt sich Christus auch nicht uns Brüder und Schwester zu nennen. Jesus sagt, wer den Willen des Vaters tut, ist ihm Bruder und Schwestern und Mutter geworden (Mt 12,50). Um diese Einheit mit uns zu bilden, musste er uns in allem gleich werden (Hebr 2,17; Röm 8,29). Jesus, der vollkommen und heilig als Mensch auf Erden lebte, könnte sich leicht für uns schämen vor Gott und den Engeln im Himmel, doch er tut das nicht. Jesus liebt uns ohne Vorbehalte als Brüder und Schwestern im Herrn. Wer seinen Bruder liebt, der schämt sich nicht für ihn, selbst wenn er behindert ist oder sonst Probleme hat (1Kor 15,8). Jesus bekennt sich zu uns als Bruder, indem er allezeit bei Gott für uns eintritt (Hebr 9,24; Röm 8,34). Deshalb sollen wir uns auch nicht schämen, unseren Bruder Jesus vor den Menschen zu bekennen (Röm 1,16; 2Tim 1,8.12.16; Mk 8,38). Wir gehören zu Christus und bilden eine Familie, einen Leib mit IHM. Wer Glied der Gemeinde ist, der ist auch Glied des Leibes Christi (Eph 1,23). Wir Gläubigen repräsentieren Christus in dieser Welt. Wer sich mit einem Gläubigen anlegt, der legt sich mit Christus an (Apg 9,4). Wie Mann und Frau durch die heilige Ehe zusammen einen Leib bilden, so ist es mit Christus und der Gemeinde (Eph 5,22-30).

 

Vers 12: Das Zitat aus Psalm 22,23 soll die Nähe Jesu zu seiner Gemeinde illustrieren.
Alle Christen und alle hebräischen Christen damals verstanden, dass der Psalm 22 messianisch ist. Schliesslich zitierte ihn Jesus kurz vor seinem Tod (Ps 22,2; Mt 27,46; Mk 15,34). Auch andere Verse aus Psalm 22 deuten ohne Zweifel auf Jesus (V. 8.9.15.16.19). Besonders die Verse 13-18 sprechen mehr von Jesus als von David. Andere Verse wiederum sollten nur auf David bezogen werden (Ps 22,7.11).

Der Sprecher in Psalm 22 war Christus, der im Geist durch David sprach (1Petr 1,11). Jesus will den Namen Gottes seinen Brüdern und Schwestern verkünden. Er steht zu seinen Brüdern und Schwestern im Geist, vor dem ganzen Himmelsheer und vor der ganzen Menschheit. Die Frage stellt sich: Wann sang Jesus mitten in der Gemeinde? Wir wissen, dass Jesus den Synagogengottesdienst aufsuchte, wo gesungen wurde (Lk 4,16). Wir wissen auch, dass Jesus nach dem letzten Passamahl mit seinen Jüngern Loblieder sang, bevor er mit ihnen in den Garten Getsemani ging (Mt 26,30). Doch das kann damit wohl nicht gemeint sein, sondern die Rede ist, dass Jesus kontinuierlich mit seinen Brüdern und Schwestern singen wird. Jesus singt mit uns Gläubigen in der Gemeinde, wenn wir anbeten, weil wir mit ihm einen Leib bilden und er mitten unter uns ist (Mt 18,20; 28,20). In gleicher Weise hat er mit uns Gemeinschaft, wenn wir das Herrnmahl zu uns nehmen und uns seiner Erlösungstat Gedenken (Mt 26,29; Apg 20,28).

 

Vers 13: Dann wird eine andere Stelle aus der Septuaginta (LXX) zitiert, die aus Jesaja 8,17b und 2. Samuel 22,3 stammt (siehe auch Ps 18,3).

Offenbar wurde die Aussage im Jesaja 8,17-18 oft auf Christus angewandt, als „Stein des Anstosses“ (Jes 8,14; 1Petr 2,8; 1Kor 1,18.23). Es geht hier ein weiteres Mal um die Betonung der Fleischwerdung Christi. Jesus lebte als Mensch im Vertrauen auf den Vater, als er auf Erden wandelte (Ps 16,8-11; Apg 2,25-28). Dieses Vertrauen demonstrierte er am Kreuz, als er sagte: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23,46). Seine Gegner bestätigten dies mit den Worten (Mt 27,43): „Er hat auf Gott vertraut; der soll ihn jetzt retten, wenn er will ...“

Auch wir wollen Gott dem Vater und dem Sohn ganz vertrauen, denn unser grosser Gott hat all unser Vertrauen verdient! Auch das nächste Zitat aus Jesaja 8,18 scheint eine doppelte Prophezeiung zu sein. Sicher bezog sich diese Aussage zuerst einmal auf die Kinder Israels im AT. Doch jeder wahre Prophet Gottes wies mit seinen Aussagen gleichzeitig auf den kommenden Messias hin. Jesus wird hier mit einem andern Bild als Verantwortlicher dargestellt, dem viele Kinder geschenkt wurden. Deshalb tritt Jesus verantwortungsvoll für alle Gläubigen ein, die ihm der Vater gegeben hat (Joh 17,6-9.20-26). Seit seinem Tod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt hat Jesus für seine Nachkommenschaft in der Gemeinde gesorgt. Die Gemeinde ist Christi Braut (Offb 21,2; Mt 9,15-16). Jesus zeugt mit seiner Braut ständig neue Nachkommen (Eph 5,32).

Weil Christus zu uns gehören und mit uns verbunden sein will, hat er Fleisch und Blut angenommen, d. h. unsere Lebensform (V. 14-15).

Vers 14a: Hätte sich Jesus unser geschämt, dann wäre er niemals bereit gewesen, Fleisch und Blut anzunehmen. So ist er aber unser Bruder und Hohe Priester geworden. Der Doketismus ist eine frühchristliche Irrlehre, die aus dem Gnostizismus stammt. Dokein bedeutet scheinen. Es wird behauptet, dass Jesus bloss einen „Scheinleib“ besass. Er habe deshalb im Schein gelitten und sei im Schein gestorben. Jesus könne niemals einen menschlichen Körper gehabt haben, weil Fleisch und Blut an sich schon sündhaft seien. Die Vollkommenheit Jesu und der fleischliche Leib seien ein Widerspruch in sich. Für die Gnostiker war alles Geschaffene böse und sündhaft, was zur Askese führte durch Fasten, Ehelosigkeit und absichtliche Grausamkeiten gegenüber dem eigenen Leib. Genau das Gegenteil über Jesus lehrt uns hier der Hebräerbrief.

 

Vers 14b: Weil Jesus Fleisch und Blut angenommen hat, ging er dem Tod entgegen. Denn Fleisch und Blut kann das Reich Gottes nicht erben. Auch wir werden einmal sterben und fürchten uns vielleicht vor dem Tod. Jesus hat mit seinem Leiden und Sterben den Tod entmachtet, zerstört, zunichte gemacht (καταργέω). Die Macht über den Tod hatte der Teufel (Kol 1,13-14). Die Todeswaffe des Teufels ist die Lüge (Joh 8,44). Mit seinen Lügen verführt er die Menschen zur Sünde (Gn. 3,4). Der Lohn der Sünde aber ist der Tod (Röm 6,23; Eph 2,1). Deshalb kam Jesus auf diese Welt, um die Werke des Teufels zu zerstören (1Joh 3,8).

Jesus zerstörte die Werke des Teufels -

- durch das gerechte Wort Gottes,

- durch sein sündenfreies Leben,

- durch sein Opfer am Kreuz, das uns nun von Sünden befreit,

- durch seine Auferstehung von den Toten.

Der endgültige Untergang Satans samt seinen Engeln wird der grosse Gerichtstag sein (Offb 20,7-10).

 

Vers 15a: Jesus hat uns vor dem Tod befreit.
Wer zum unvergänglichen Leben in Christus wiedergeboren worden ist, der lebt ewig weiter und wird nicht mehr sterben (Röm 6,1-11). Über den hat der Tod keine Macht mehr (Joh 11,25). Der Tod ist verschlungen in Sieg (1Kor 15,55-58). Darum brauchen sich Gläubige in Christus nicht mehr zu fürchten vor dem Tod und vor dem Gericht Gottes (1Joh 4,17-18).

 

Vers 15b: Jesus hat uns aus dieser Knechtschaft befreit.

 

Vers 16: Weil Jesus uns helfen wollte, wurde er Mensch wie wir.
Er dachte niemals daran, sich den Engeln anzunehmen. Wäre Jesus ein Engel gewesen, dann hätte er sich vermutlich der Engel angenommen. Doch die Engel brauchen keine Hilfe, da sie bereits im Himmel leben. Nur die Engel, die gesündigt hatten, brauchen Hilfe (2Petr 2,4). Doch diese Hilfe ist grösser, als die, welche Jesus anbietet. Wäre Jesus ein Engel gewesen, dann wäre er vermutlich gar nicht auf die Idee gekommen, dass wir Menschen Hilfe brauchen. Nun aber ist Jesus Mensch geworden wie wir, um sich der Nachkommen Abrahams anzunehmen.

Wer sind die Nachkommen Abrahams? Es sind nicht bloss die Juden. Es sind alle Gläubigen damit gemeint. Paulus erklärt: Röm 2,28-29; 3,21-24; Gal 3,7.26-29.

 

Vers 17: Um unsere Sünden zu sühnen, musste Jesus uns in allem gleich werden.
Er bekam einen sterblichen Leib wie wir und musste sterben. Er wurde versucht wie wir und litt wie wir (Hebr 4,14-15). Nur in einem wurde er uns Menschen nicht gleich: er blieb frei von der Sünde (4,15). Deshalb ist Jesus auch unser perfekte Mittler (μεσίτης: 1Tim 2,5; Hebr 8,6; 9,15; 12,24). Dieser Gedanke musste für die Empfänger des Hebräerbriefs revolutionär gewesen sein. Denn als der Hebräerbrief geschrieben wurde, gab es noch Hohe Priester, die im Amt standen. Der Hohe Priester war Mittler zwischen Gott und den Menschen. Weil die sündhaften Menschen sich Gott nicht nahen durften, gab es einen Hohen Priester. Der Hohe Priester ging einmal im Jahr (Yom Kippur) ins Allerheiligste, um Sühnung für sich und für das Volk zu schaffen (Lev 16). Doch die vielen symbolischen Handlungen des alttestamentlichen Hohen Priesters brauchte es in Zukunft nicht mehr. In diesem Brief wird gesagt, dass der levitische Hohe Priester ausgedient hat, weil Christus der bessere Hohe Priester sei (siehe Schatten und Wirklichkeit). Es wird weiter erklärt, dass all das vergossene Blut von Böcken und Kälbern die Sünden des Volkes nicht wirklich hinwegnehmen konnte (Hebr 9,11-14). Nur das Blut Jesu vermag unsere Sünden vollends zu sühnen (ἱλάσκομαι).

 

Vers 18: Weil Jesus gelitten hat, vermag er auch uns zu helfen.
Wer nicht selbst durch Schmerz und Leid gegangen ist, wird andere, die solches durchgemacht haben, kaum verstehen können. Bsp.: Wer körperlich stark ist, kann sich kaum vorstellen, wie es andern geht, die von Müdigkeit und Schmerzen geplagt werden. Bsp. Kluge Menschen werden leicht hochmütig über solche, denen das Lernen schwer fällt. Bsp.: Auch die Liebe wird von uns Menschen oft so unterschiedlich empfunden, weil wir unterschiedliches durchgemacht oder verpasst haben. Doch bei Jesus liegt das alles ganz anders: Gott fühlt mit uns, weil sein Sohn Mensch wurde wie wir. Gott kennt unsere Not, weil Jesus selbst in Not war. Gott weiss genau, wie viel wir in unseren Versuchungen fähig sind standzuhalten und zu überwinden, weil Jesus selbst versucht wurde. Gott fühlt nicht nur mit uns, sondern er vermag uns auch zu helfen, weil er dasselbe durchgemacht hat.

Jesus ist uns ein grosser Trost, wenn wir manchmal meinen, dass niemand uns richtig verstehen kann; Jesus kann uns verstehen und will uns helfen! Darum, lasst uns den Vater im Namen Jesu anrufen damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zur rechten Zeit (Joh 14,13; 16,23-24; Hebr 4,16; 2Kor 5,18-21)!

 

 

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– Gebt acht ...!