Obadja und Edom
Am Tag des Herrn wird der Herr das Gericht ausüben über Edom und alle Nationen. Juda hingegen wird gesegnet werden.
DIE VERNICHTUNG EDOMS (V. 15-21)
Vers 15: Tag des Herrn
Vorsicht! Unser Verständnis vom Tag des Herrn gründet sich auf der Lehre Christi und seinen Aposteln (1Thess 5,1-3). Es hat mit dem endgültigen Gerichtstag zu tun, wo Himmel und Erde zerstört werden (2Petr 3,10).
Der Tag des Herrn weist hier auf Gottes Gericht zur damaligen Zeit hin. Am Tag des Herrn wird Edom zerstört, weil es Israel gehasst und sein Land als Besitz an sich gerissen hat (Ez 36,5). Am Tag des Herrn werden andere Nationen untergehen, weil sie sich gegen Gottes Volk wandten (Jes 34,5-8). Mehrere Propheten sprechen vom Gerichtstag Gottes (Am 5,18; Joel 1,15; 2,1.31). Gottes Prinzip lautet (Gal 6,7): „Denn was ein Mensch sät, das wird er auch ernten.”
Vers 16: Trinken
Edom ist ein Beispiel, wie es allen Feinden Israels ergehen wird. Die Edomiter liessen sich wohl ergehen und feierten auf Zion ausgelassen den Sieg der heidnischen Götter über Israel. Doch Edom wird samt den Eroberern Jerusalems Gottes Zornkelch trinken. Das Trinken auf Gottes Berg steht im übertragenen Sinn als Bild für die Bosheit und das Unrecht gegen Gott. Weil sie die Bosheit in sich hineingeschluckt haben, müssen sie auch den Wein des Zornes Gottes trinken, um aus dem Verzeichnis der Völker gestrichen zu werden.
Auch Jerusalem hat aus dem Becher des Zornes Gottes getrunken (Jes 51,17) und war betrunken (Jer 13,13), d. h. gerichtet. Doch Juda hat für seine Schuld gebüsst. Anschliessend trifft es die, welche sich an Juda vergangen haben. Trinken bis zur Betrunkenheit bedeutet das Gericht Gottes mit voller Konsequenz erfahren (wie in Ez 23,32-33).
- Der Kelch besteht aus Wein und macht betrunken (vergl. Jer 25,15ff.).
- Er wird gierig geschlürft und macht Menschen bekümmert.
- Denn er ist ein Taumel- oder Zorneskelch (vergl. Jes 51,17ff.).
Vers 17: Berg Zion
Die Nachkommen des dritten Sohnes Kanaans wurden Jebusiter genannt (Gen 10,16). Die Jebusiter sind die Vorfahren der Stadt Jerusalems, der Burg Zions (Jos 15,63; 1Chr 11,4-5). Sie wurden von Josuas Armee angegriffen und eingenommen (Jos 10,1-10).
Melchisedek kam aus Salem (Jerusalem), dem Abram den Zehnten gab. Er war zugleich auch Priester des höchsten Gottes (Gen 14,18). Er brachte Abram Brot und Wein und segnete ihn (Gen 14,19-20). Er verhiess Abram, dass Gott ihm seine Feinde unterwerfen werde.
Schliesslich wurde die Festung der Jebusiter von David endgültig eingenommen und zur Stadt Davids erklärt (2Sam 5,6-7). Salomo baute den Tempel auf dem Berg Moria, wo er seinen Sohn Isaak opfern sollte (Gen 22). Somit wird der Berg Zion nicht nur zur Stadt Jerusalems, sondern auch zum heiligen Tempelberg, wo die Bundeslade stand (Ps 2,6; 48,2-3.9.12).
Nun wird der Berg Zion die Hochburg Gottes repräsentieren, ein Ort der Sicherheit. Dieser Ort wird heilig sein, denn dort wohnt Jahwe (Ps 132,13-14) und sein geheiligtes Volk (Jes 10,24). Dort ist der Ort der Anbetung Gottes.
Auf dem Berg Zion wird Rettung sein. Damit wird gesagt, dass ein Rest Judas aus der Verbannung in ihr Heimatland zurückkehren darf (Jes 10,20-22), das von den Babyloniern eingenommen und zerstört wurde (Jer 29,10-14; 31,8-12). Dort wird der Tempel wieder aufgebaut, sodass wieder geopfert werden kann (Jer 3,14; Esr 3,2-3).
Hinter diesen Vorhersagen steckt viel mehr als die Neuansiedlung in Jerusalem (Jes 2,1-5). Diese Prophezeiung führt uns in das messianische Zeitalter. Dort wird ein Rest der Gläubigen der Gemeinde Jesu hinzugefügt und zum Volk Gottes des Neuen Bundes. Das Haus Jakobs weist nicht bloss auf die physischen Nachkommen hin.
Die Prophezeiung weist auf das zukünftige Haus der Erlösten hin, wo Jesus regiert (Lk 1,33): „Er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und seine Herrschaft wird kein Ende haben.” Im Neuen Bund treten alle Gläubigen zum Berg Zion hin, „der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem” (Hebr 12,22-23; Offb 14,1). Nicht das physische Israel, sondern das Reich Gottes im Himmel wird in Ewigkeit aufgerichtet werden für alle (Juden und Heiden), die an Jesus Christus glauben (Röm 2,28-29; Gal 3,27-29).
Vers 18: Feuer und Zerstörung
Das Haus Jakob und das Haus Josef deuten auf die Wiedervereinigung von Juda und Israel hin, die seit dem Tod Salomos getrennt waren (1Kön 12). Mit dem Haus Jakob ist das Südreich Juda gemeint. Mit dem Haus Josef ist das Nordreich Israel, mit den zehn Stämmen gemeint. Beide werden sich wieder vereinen und Edom zerstören. Als der Prophet Maleachi (433 v. Chr.) seine göttlich inspirierten Worte niederschrieb, hatte Edom bereits eine schwere Niederlage erlitten (Mal 1,2-5).
Zur Geschichte Edoms:
Die Zerstörung Edoms begann mit dem Einfall der Chaldäer unter Nebukadnezar, wurde aber nicht vollendet. Zwischen dem 6. und dem Ende des 4. Jahrhunderts wurde Edom von den Arabern überfallen, die als Nabatäer bekannt waren. Sie waren ein hochbegabtes Volk, das die Edomiter aus ihrem Land in eine Region südlich von Judäa vertrieb. Ab ca. 312 v. Chr. wurde Edom Idumäa genannt. Im zweiten Jahrhundert wurden die Edomiter von den Makkabäern unterworfen, als Judas Makkabäus etwa zwanzigtausend von ihnen tötete. Johannes Hyrkanos (134–104 v. Chr.) unterwarf den Rest des Volkes, zwang sie zur Beschneidung und dazu, das jüdische Reich anzuerkennen. Im ersten Jahrhundert nach Christus wurden die verbliebenen Edomiter bei den Arabern integriert, sodass ihre Identität vollständig verloren ging. Der grösste Einfluss in der Geschichte hatte gerade noch die Familie des Herodes, die Edomiter waren.
Zur Geschichte des endlosen Kampfes zwischen Israel und Edom finden wir viele Beiträge in der biblischen Literatur, die als Hintergrund für Obadjas Vision verstanden werden können (Am 1,11-12; Jes 34,5ff.; 63,1-6; Jer 49,7-22; Ez 25,12-14; 35,1ff.; Klgl 4,21ff.; Joel 4,19; Mal 1,2-5).
Das unwiderrufliche Gericht über Edom entstammt nicht menschlicher Rachsucht, sondern es ist allein Gottes beschlossene Sache.
Vers 19: Gebietsausdehnung
Die Juden, die im Südland, d. h. in der Wüste Negev wohnten, sollen in Zukunft auch das Bergland Edoms bewohnen. Auch das Gebiet nördlich von Jerusalem, das zum Nordreich gehörte und das Gebiet, das östlich des Jordans liegt, soll neu von den Zurückgekehrten in Besitz genommen werden. Obschon dieses Gebiet von den Assyrern kontrolliert wurde.
Doch hier geht es um mehr als um die Wiederherstellung der glorreichen Tage Israels und um eine Gebietsausdehnung. Es geht um die Verheissung, dass die Heiden durch das Evangelium besiegt werden. Der Prophet Jesaja spricht vom kommenden Gnadenbund und enthält denselben Gedanken, dass die Nachkommen Israels die Heiden in Besitz nehmen werden (Jes 54,3).
Vers 20: Die Verbannten
Die Prophezeiung blickt auf die messianische Eroberung, die sich in Christus durch das Evangelium erfüllt (Num 24,15-24). Jesus predigt in seiner Heimatstadt, dass Gefangene und Geknechtete befreit werden, damit sind Sündengefangene gemeint (Lk 4,18; Gal 4,3). In dieser Zeit soll die Eroberung anderer Völker stattfinden (Sach 9,10). Es ist von Verbannten oder Gefangenen des Heeres der Israeliten die Rede. Die im Exil lebenden Juden waren in Zarefat, einem unbekannten Ort.
Hier geht es offenbar um eine messianische Verheissung (siehe Am 9,11-12 und Apg 15,15-18). Es gibt ein paar Fragen zu diesem Vers: Es ist von Verbannten oder Gefangenen des Heeres der Israeliten die Rede. Die im Exil lebenden Juden waren in Zarefat, einem unbekannten Ort.
Der Hauptgedanke dieser Vorhersage ist, dass Juden aus aller Welt zurückkehren und in einem Land leben werden, dessen Grenzen erweitert wurden (Jer 32,44).
Vers 21: Das Königtum
Diese Verheissung wird mit dem auferstandenen Jesus erfüllt, der zur Rechten Gottes auf dem Thron Davids sitzt (Apg 2,31-36). Gott allein gehört die Herrschaft (Offb 11,15). Der Berg Zion ist geistig zu verstehen. Edom aber wurde zerstört.
Die, welche das Volk aus den Händen der Unterdrücker befreiten, wurden „Retter“ oder Befreier genannt. Die Richter wurden beispielsweise als „Retter“ oder Befreier bezeichnet (Ri 2,16). Nach der Rückkehr aus dem Exil zählten auch Serubbabel und Nehemia zu den „Rettern“ (Neh 9,27). Schliesslich prophezeit Obadja, dass das wahre Königtum allein dem Herrn gehört.
SCHLUSSFOLGERUNGEN
Dem allmächtigen Gott ging es nie um blosse Abstammung, sondern immer um wahren Glauben (Gal 6,15-16)! Hochmütig machte Edom sich selbst etwas vor (Obd 3). Doch Hochmut kommt vor dem Fall (Spr 16,18). Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen schenkt er seine Gnade (Jak 4,6). Die gottlosen Menschen lassen sich bis heute von Stolz und Hochmut täuschen. Der Gläubige aber sieht sich vor und hält sich fern von jedem selbstsüchtigen Denken und Handeln ohne Gott (1Joh 2,15-17).
Obadjas Botschaft ist ganz einfach: „Liebe deinen Bruder und verletze diese Beziehung nicht!” Dieser Aufruf gilt natürlich für jede Beziehung in der Familie, in der Welt und in der Gemeinde. Wer der Wahrheit Gottes gehorsam sein will, der pflegt alle Beziehungen mit Liebe zu seinen Mitmenschen, sei es in der Familie, in der Welt oder in der Gemeinde (Gal 6,10). Besonders in der Gemeinde ist die Bruderliebe (Geschwisterliebe) oberstes Gebot (1Petr 1,22-23). Wer seine Glaubensgeschwister nicht liebt, der liebt auch nicht Gott (1Joh 3,16).
Obadja betont, dass Juda Gottes besonderes Volk ist. Wehe dem, der sein Volk misshandelt. Wer das tut, der kämpft einen aussichtlosen Kampf gegen Gott. Denn Gott gehört die Rache, der Herr wird vergelten (Röm 12,17-21). Gott bewahrt seine Treuen vor allem Bösen (2Thess 3,3). Gott bewahrt sein gläubiges Volk auch im Neuen Bund vor dem Zorn Gottes (Röm 5,8-9).
Edom soll zerstört werden, weil es seinem Bruder Juda Unrecht tat. So geschieht es jedem, der anderen Böses tut. Gal 6,7: „Was ein Mensch sät, das wird er auch ernten.” Darum, lasst uns auf den Geist säen, um ewiges Leben zu ernten (Jak 1,27; Mt 25,31-46)!