Numeri-22: Der Wahrsager Bileam

Wüstenwanderung

 



Einleitung

Der Sinn und Zweck der aussergewöhnlichen Ereignisse Bileams bestand darin, dass Gott mit der neuen Generation seinen Bund erneuern wollte, den er mit den Patriarchen schloss, bevor er sie ins verheissene Land führte (Gen 12,1-9; Ex 6,8). Das Volk Israel befand sich schon fast 40 Jahre in der Wüste und lagerte sich in den Steppen Moabs, gegenüber Jericho (Num 22,1). (Siehe Tabelle!)

 

Bileam und Balak

Balak war der König der Moabiter (V. 4) und fürchtete das riesige Volk der Israeliten (V. 5), das in seinem Land sich niederliess (Ex 1,12). Eigentlich gab es keinen Grund, sich vor den Israeliten zu fürchten, da Gott seinem Volk verbot, die Moabiter zu bedrängen oder zu provozieren (Dtn 2,8-9). Die Moabiter waren Nachkommen Lots und somit verwandt mit den Israeliten (Gen 19,37). Trotzdem fürchtete sich der Moabiterkönig vor Israel, weil er wusste, was sie den Amoritern angetan hatten, weil sie nicht durch ihr Land gelassen wurden (Num 21,21-25).

König Balak gab sich den Israeliten als Verbündeter aus, liess aber Bileam rufen, damit er das bedrohende Israel verfluche (V. 6). Bileam war kein israelitischer Prophet, sondern ein Wahrsager (Jos 13,22), Zauberer oder Seher aus Petor, Mesobotanien (Num 22,5; 23,4.7; Dtn 23,5, aus Syrien am Eufrat). Bileam war offenbar bekannt dafür, dass er ganze Völker segnen oder verfluchen konnte, was abergläubisch war. Balak hoffte, dass er so die Israeliten aus Moab vertreiben konnte.

Es kann nicht geleugnet werden, dass dieser gottlose Wahrsager ein Auge für Gottes Willen hatte (Num 24,1). Das Gesetz Mose verbot Wahrsagerei und Zeichendeuterei (Lev 19,26.31). Warum kam es dazu, dass Gott zu einem Wahrsager sprach Bileam glaubte an den mächtigen Gott, und nannte ihn „Herr” (V. 8.13.19). Was nicht bedeutet, dass er Gottes Geboten treu war und diente. Er glaubte an Gott wie an alle anderen Götter, mit denen er es zu tun hatte. Bileam befragte den Herrn und redete mit ihm, wie er Handeln sollte (V. 8). Bileam wusste, dass „der Befehl des Herrn, meines Gottes” (V. 18b) nicht übertreten werden durfte. Bileam wusste auch, dass er nur das reden konnte, was ihm der Herr in den Mund legte (V. 38). Er war ein Polytheist, der an Jahwe und andere Götter glaubte.

Bileam war ein Wahrsager, der auf Gewinn aus war (2Petr 2,15-16) und Segen oder Fluch im Namen eines jeden Gottes aussprach, wenn die Bezahlung stimmte (V. 7). Gottes Allmacht ist uneingeschränkt. Der Herr vermag alles und alle zu seinem Zweck zu gebrauchen, wenn er will. Zudem war der Segensspruch eines Wahrsagers für Israel eindrucksvoller, als der eines Nachkommen Jakobs.

Vermutlich sprach Gott durch einen Engel zu Bileam oder durch eine Vision (V. 8; Num 12,6-8). Zuerst lässt Gott Bileam auf seine Ehrlichkeit testen (V. 9). Bileams Antwort entspricht der Wahrheit (V. 10-11). Gottes Antwort ist, dass Bileam nicht mit den Abgesandten gehen und Israel nicht fluchen sollte (V. 12).

Am nächsten Morgen sandte Bileam die Männer, die bei ihm zu Besuch waren, weg, mit der Begründung, dass er nicht mit ihnen ziehen und Israel verfluchen werde (V. 13-14). Der König Balak aber entsandte vornehme Leute und versprach ihm eine grosszügige Entlöhnung, wenn er das Volk verwünschen würde (V. 15-17). Doch Bileam blieb zunächst stark gegen diese Versuchung, denn er wusste, dass er scheitern würde beim Versuch gegen Gottes Willen zu handeln (V. 18). Trotzdem sandte er die Besucher nicht weg, sondern wandte sich ein zweites Mal an Gott (V. 19). Dann nehmen die Ereignisse eine gefährlich Wende:

- Gott erlaubt Bileam mit den Fürsten der Moabiter zu gehen (V. 20).

- Gott wird Bileam zeigen, wer das Sagen hat.

- Sein Ungehorsam gegenüber dem Allmächtigen wird Konsequenzen haben.

- Am anderen Morgen zieht Bileam mit den Fürsten der Moabiter (V. 21) und zwei Diener begleiten ihn (V. 22).

Lektion: So funktioniert die Versuchung, die zur Sünde führt.
Wir werden nicht nur einmal versucht, sondern mehrmals mit derselben Angelegenheit konfrontiert, wie Jesus (Mt 4). Jak 1,12: „Selig der Mann, der die Prüfung besteht, denn wenn er sich bewährt, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott denen verheissen hat, die ihn lieben.”

 

Bileam und die Eselin

Im biblischen Text sieht es aus, als ob Gottes Zorn erst jetzt gegen Bileam entbrannte (V. 22). Doch dieser anscheinende Widerspruch hängt bereits mit der zweiten Anfrage Bileams und seinem Entscheid, die Eselin zu satteln, zusammen. Weil Gottes Zorn entbrannte, sandte er einen Engel, der sich Bileam als Widersacher in den Weg stellte.

Bileam spricht mit seiner Eselin
Die Eselin sah den Engel des Herrn, aber Bileam und seine Diener sahen den Engel mit gezücktem Schwert in der Hand nicht (V. 23.31). Die Eselin versuchte dem Engel zwei Mal auszuweichen und Bileam schlug sie (V. 23-26). Beim dritten Mal schlug Bileam die Eselin so hart, dass sie in die Knie ging (V. 27). Der Herr aber öffnete der Eselin den Mund, so dass sie sprechen konnte (V. 28). Bileam konnte es selbst nicht fassen und antwortete der Eselin im Zorn (V. 29): „Du hältst mich zum Narren! Wenn ich ein Schwert hätte, dann würde ich dich töten.” Die Eselin fragte Bileam mit anderen Worten, ob das gerecht sei, wie er sie behandle und Bileam gab zu, dass dies nicht rechtens war.

Bileams Einsicht (V. 31-40)
Der Herr öffnete Bileam die Augen, so dass er den Engel mit dem Schwert des Gerichts sehen konnte, der ihm im Weg stand (V. 31). Was Bileam seiner Eselin antun wollte, stand ihm selbst kurz bevor, weil der gegen den Willen des Herrn handelte. So rettete die Eselin Bileams Leben, weil sie dem Gerichtsengel drei Mal auswich (V. 33). Der Engel fragte Bileam, weshalb er seine Eselin schlug und erklärte ihm die Situation (V. 32). Bileam sah ein, dass er gesündigt hatte und wollte umkehren (V. 34). Der Engel gab Bileam die Anweisung, die Gott ihm schon zuvor gab (V. 21), trotzdem mit den Männern weiterzugehen (35). Der Herr werde an ihm seine Allmacht demonstrieren. Bileam werde erfahren, wie der Herr die Kontrolle über seine Weisheitssprüche übernimmt.

Bileams Ankunft bei Balak (V. 36-41)
Balak wusste natürlich nicht, was Bileam inzwischen alles erlebte. Ungeduldig ging er ihm entgegen und klagte ihn an für seine späte Ankunft. Er fragte (V. 37c): „Kann ich dich wirklich nicht ehren?” Damit deutete er auf die hohe Entlöhnung. Zweifelte Bileam etwa daran, dass ihm Balak die versprochene Entlöhnung tatsächlich auszahlen konnte?

Bileam rechtfertigte sich, dass ihm die Hände gebunden seien (V. 38). Dies sagte er nicht aus Glauben. Mit anderen Worten: Er könne nur reden, was Gott ihm befohlen habe. Balak opferte nicht Gott, sondern den Göttern (V. 40). Anschliessend führte er Bileam auf einen Hügel, damit er von dort aus die Verfluchungssprüche über Israel aussprechen konnte (V. 41). Die Baals Kulte fanden in Kanaan oft auf „den Höhen” statt. Es ist ironisch, dass gerade von einem erhöhten Ort der Götter, Bileam einen Gottesspruch redete, der Israel segnete.

 

Schlussfolgerungen

In diesem Ereignis sehen wir, dass der allmächtige Gott nicht zu gross oder zu erhaben ist, sich sogar mit kurzsichtigen und stolzen Menschen einzulassen (Ps 8,5). Gott vermag sogar, dass Menschen und Tiere nach seinem Willen sprechen. Gott vermag sogar Steine zum Sprechen zu bringen, wenn er will (Lk 19,40).

Unsere verkehrte Wahrnehmung gleicht manchmal dem Wahrsager Bileam. Wir versuchen unsere Sicht der Dinge zu erzwingen, obschon sie gegen Gottes Willen verstossen. Dabei liegen wir völlig falsch und stehen in Gefahr, bezwungen zu werden.

In diesem Fall zeigte Gott dem Bileam, dass er dümmer als ein Esel handelte. Esel stehen ja sinnbildlich für Dummheit. Es ist amüsant zu sehen, wie ein Mensch mit einem Esel spricht, der weiser redet und handelt als er selbst.